Alternatives Ende: Das steinerne Schloss

Als ich “Das steinerne Schloss” geschrieben habe, gab es nicht nur ein Ende, sondern zwei. Das hier ist das Ende, das ich zuerst geschrieben habe. Das sich für mich am richtigsten für die Geschichte angefühlt hat, es aber schließlich doch nicht in den Roman geschafft hat.
Es ist mein Herzensende und ist zusammen mit dem letzten Lied auf der Playlist entstanden. Die Playlist findet ihr hier.

Das Geräusch des piependen EKGs weckte Charlie. Mit geschlossenen Lidern lauschte sie dem beruhigenden Auf und Ab der Töne. Nur langsam gab sie die Traumwelt frei, in der sie so viele seltsame Dinge gesehen hatte. Das war wirklich der abgefahrenste Traum gewesen, den sie jemals gehabt hatte. Leider konnte sie sich nicht einmal an die Hälfte von ihm erinnern. Irgendetwas schien sie daran zu hindern. Es war, als ob eine Schranke in ihrem Kopf sie davon ablenkte.
Charlie schaute sich um: Weiße schmucklose Wände, ein alter Fernseher an der Wand, drei leere Betten neben ihr. Außerdem der Geruch von PVC Boden, Medikamenten und Desinfektionsmittel. Sie war in einem Krankenhaus. Wie war sie hier her gekommen? Und wieso war sie überhaupt hier? Das letzte, an das sie sich klar und deutlich erinnern konnte, war das Uni Hochhaus, auf das sie zugesteuert war, um ihren dreimal verfluchten Dozenten um eine zweite Chance für ihre Hausarbeit zu bitten. Alles, was danach geschehen sein und sie in dieses Krankenhaus gebracht haben musste, war hinter einer undurchdringlichen weißen Wand aus Vergessen verborgen. Was also war geschehen?

Sie drehte den Kopf nach links und zuckte heftig zusammen. Da saß ein Mann. Ein fremder Mann. Er war auf seinem Stuhl neben ihrem Bett in sich zusammengesunken. Den Kopf hatte er auf seine zusammengeballte Faust gestützt.

Erst jetzt spürte sie, dass er ihre Hand hielt – so fest, als ob er sie nie wieder loslassen wollte. Er wirkte ziemlich fertig, sah so übernächtigt aus, so müde und besorgt, dass Charlie unwillkürlich das Bedürfnis hatte, ihn zu berühren. Sie wollte ihm die steile Falte von der Stirn wischen und sie durch ein Lächeln ersetzen. Vorsichtig strich sie ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Der Mann schreckte hoch. Er blinzelte, dann weiteten sich seine Augen. Er setzte sich auf und Charlie zog schnell die Hand zurück. Sie war zu weit gegangen. Wie hatte sie auf die Idee kommen können, einen Fremden einfach so anzufassen? „Es tut mir leid.“
„Das muss es nicht“, antwortete er mit rauer Stimme. Er räusperte sich und senkte den Blick. Charlie tat es ihm gleich. Das Schweigen, das sich über den Raum senkte, erinnerte sie an etwas. Sie konnte es nur nicht greifen, so sehr sie es auch versuchte. Was war nur mit ihr los? Wieso wusste sie nicht, wer er war? Sein Blick hatte ihr mehr als deutlich gesagt, dass sie sich kennen mussten. Er war so zärtlich gewesen, so warm. Verwirrt strich sie über die Hand, die er bis eben noch gehalten hatte. Als sie wieder aufschaute, bemerkte sie, dass er sie beobachtete. Sie starrten sich an, bis Charlie unbehaglich fragte: „Wer sind Sie?“
Der weiche Ausdruck in seinen Augen wich Schock. Charlie hatte das Gefühl, als habe sie ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Dabei hatte sie doch nur wissen wollen, wo sie war und weshalb er an ihrem Bett saß. Der Mann schien mit sich zu kämpfen, biss sich auf die Lippe. Charlie runzelte die Stirn. Hatte er ihre Frage nicht verstanden? „Ich wollte doch nur meine Hausarbeit abholen. Wie komme ich hier her?“

Er starrte sie noch einen Moment länger an, dann schlug er die Augen nieder. Aber er war nicht schnell genug gewesen. Charlie hatte die Tränen gesehen, die sich in ihnen gesammelt hatten. Die Unsicherheit, die sich in ihrem Magen zusammenballte, nahm zu.

Warum nur wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie ihm schon einmal begegnet war? Schließlich räusperte er sich und sagte mit schwankender Stimme: „Du hattest einen Unfall.“
„Aber… aber ich erinnere mich an nichts.“
„Das… scheint eine Nebenwirkung zu sein.“ Er klang nicht wirklich überzeugt und Charlie spürte wie Panik durch ihre Adern zu rauschen begann. Wenn sie einen Unfall gehabt hatte, wer war dann er? Hatte er sie angefahren? Und wo war es passiert? Was war bloß mit ihrem Gedächtnis los?
Die Tür zum Zimmer wurde aufgerissen und Charlie zuckte zum zweiten Mal zusammen. Über die Schulter des Mannes hinweg sah sie eine rothaarige Frau ins Zimmer kommen, die ein Glas Wasser in der Hand hielt. Sie hielt mitten in der Bewegung inne, als sich der Mann zu ihr umdrehte. Er schüttelte kurz mit dem Kopf und Charlie sah, wie ihr Gesichtsausdruck genauso zu Eis gefror, wie seiner zuvor. Sie setzte sich auf, schaute von einem zum anderen. „Kann mir bitte einer sagen, was hier los ist?“
Mit dem Rücken zu ihr, atmete der Mann einmal tief ein und drehte sich dann um. Jetzt wirkte er gefasst oder wollte zumindest, dass sie das glaubte. „Die Ärzte werden gleich hier sein.“
Er wandte sich ab und wollte hinausgehen, doch Charlie griff nach seinem Arm. Dabei glitt sie an seiner Lederjacke ab und strich über die Hand seiner Haut. Ein Prickeln breitete sich in ihren Fingerspitzen aus, zog ihren Arm hinauf und kribbelte in ihrer Magengrube. Er starrte sie an. Mit gerunzelter Stirn fragte sie: „Kennen wir uns?“
Sie hörte, wie die Frau im Hintergrund scharf die Luft einsog. Dann machte er einen Schritt nach vorn, streckte seine Finger aus und streichelte kurz über ihre Wange. Die Berührung fühlte sich so vertraut und gleichzeitig so endgültig an. Einen Herzschlag lang genoss sie seine Finger auf ihrer Haut, lehnte sich zu ihnen hin. Erst als er sie wegzog, bemerkte sie, wie leer sie sich ohne sie fühlte. „Auf Wiedersehen, Charlotte.“

ENDE