Bonusszene: Kapitel 6 „Das steinerne Schloss“

Im Rahmen des 1. Geburtstags meines Debüts „Das steinerne Schloss“ teile ich mit euch eine Szene aus dem Buch. Sie featured Katrei, die bei allen sehr beliebte Greifendame.

Erik stieß die Haustür auf und gemeinsam traten sie ins Freie. Die Morgensonne, die die Wohnhäuser beschien, ließ die Szenerie ungewohnt freundlich wirken. Wenn sie heute aufgestanden und zur Uni gegangen wäre, wie an einem der Wochentage, dann wäre es ein guter Morgen gewesen. Ein sehr guter sogar. Denn Sonne machte alles besser, meistens jedenfalls.

Charlie hörte, wie Erik einen leisen Pfiff ausstieß und blickte auf: Katrei hatte offenbar beschlossen, dass sie nicht mehr gebraucht wurde und war verschwunden. Erik schnalzte ungehalten mit der Zunge. „Nie ist sie da, wenn man sie braucht.“

„Das kannst du so nicht sagen“, verteidigte Charlie den Greifen, den sie inzwischen mehr mochte, als sie sich selber eingestehen wollte.

„War auch nur ein Scherz. Katrei ist eine treue Gefährtin, aber sie neigt dazu, sich ablenken zu lassen.“

„Wie meinst du das?“

Er deutete auf Blutspuren, die die Straße besudelten und von den Müllcontainern wegführten: „Wie alle Greife liebt sie die Jagd. Hier in der Stadt gibt es nicht viel, was ihr würdig wäre. Deshalb hat sie sich auf Ratten verlegt.“

Etwas plumpste mit einem lauten Quietschen direkt vor Charlies Füße und sie sprang mit einem spitzen Aufschrei zurück. Keine zwei Sekunden später hörte sie das Rauschen von Flügeln über sich. Katrei landete, zupfte eine ihrer Federn in die richtige Position und fixierte dann den Klumpen vor Charlies Füßen.

„Du musst sie loben.“ Erik klang ein wenig belustigt. „Ich muss was?“ „Sie hat dir ein Geschenk gebracht.“

Charlie guckte nach unten. Der blutige Klumpen, der vor ihr auf der Straße lag, erinnerte nur noch entfernt an eine Ratte. Aber dass er mal eine gewesen war, ließ sich nicht abstreiten. „Ein Geschenk?“, echote sie mit fragendem Unterton.

„Wenn du sie nicht lobst, wird sie dir das nie verzeihen. Dann gibt es keine Kuscheleinheiten mehr vor dem Kamin.“ Seine Stimme klang nun nicht mehr nur ein bisschen belustigt. Sie löste den Blick von der toten Ratte und schaute zu Erik, der sie lässig an einen Laternenpfahl gelehnt angrinste. „Na los.“

Charlie unterdrückte ein Schmunzeln, als sie sich in Katreis Richtung drehte, für den Moment waren die schrecklichen Bilder vergessen: Der Greif stand leicht nach vorn gebeugt keine zwei Meter von ihr entfernt und schlug in freudiger Erwartung mit dem Schwanz. Dabei schaute sie abwechselnd die tote Ratte und Charlie an. Alles in allem erinnerte Katrei sie an eine Mischung aus übergroßem Golden Retriever und einer Katze, die Beute gemacht hatte.