Lesen und Schreiben als Realitätsflucht und warum das nicht schlimm ist

Kennt ihr diese Blicke, wenn man erzählt, dass man schreibt? Sie reichen von bewundernd (eher selten) über irritiert (schon häufiger) bis hin zu der Frage: Aber verdienst du denn damit auch etwas? Beim Lesen ist mir diese Reaktion noch nicht begegnet, was natürlich durch die Sache bedingt ist, trotzdem gab es schon häufiger die Frage: Willst du nicht mal etwas anderes als Fantasy lesen? Das ist doch so realitätsfern. Meine Antwort darauf ist meistens: Aber genau darum geht es doch.

Warum Fantasy nicht gleich Fantasy ist

Dabei habe ich schon seit langem aufgegeben, mich über den Begriff Fantasy zu ärgern. Denn mit Fantasy meinen viele Leute nicht nur High Fantasy wie Tolkien, sondern auch jegliche andere Literatur, in der auch nur ansatzweise etwas vorkommt, das es nicht in unserer realen Welt gibt. Dabei liegt mir nichts ferner, als einen Streit über Genregrenzen anzufangen – mir geht es mehr darum, dass nicht differenziert wird und in den Augen vieler Fantasy eben nur das ist: Welten, wie die von Tolkien. Dass es in diesem Spektrum aber auch noch so viel mehr gibt, wird leider häufig übersehen. Zumindest nach meiner Erfahrung (wenn ihr da andere gemacht habt: Gut für euch!).

Phantastische Literatur und Realität

Sobald das Wort Fantasy dann erst einmal im Raum steht, folgt auf dem Fuße meistens auch gleich noch ein anderer Vorwurf, nämlich der hier: Warum liest du nicht mal was, wo keine Elfen rumhopsen? Etwas, das sich mit richtigen Problemen befasst? Eine Zeit lang habe ich versucht, zu erklären, was mich an phantastischer Literatur so fasziniert, bin damit aber leider häufig auf taube Ohren gestoßen. Inzwischen überhöre ich das einfach. Denn abgesehen von der Tatsache, dass es meine Sache ist, was ich in meiner Freizeit tue, behandelt phantastische Literatur sehr wohl so manche aktuelle Thematik.

Realitätsflucht beim Lesen und schreiben

Ich finde es also vermessen zu behaupten, jeder der phantastische Literatur liest, flieht aus der Realität. Denn das ist nach meiner Erfahrung nicht der Fall. Man beschäftigt sich sehr wohl mit Problematiken, die die reale Welt betreffen, nur eben auf einer anderen Ebene. Mehr noch: Aus meiner Sicht ist es ein Merkmal wirklich guter Phantastik, genau das zu tun, Themen aufzugreifen und verfremdet darzustellen, um einen anderen Zugang dazu zu eröffnen. Denn auch wenn man das gleiche Thema realitätsnah hätte behandeln können – wer sagt, dass es vielen Menschen nicht einfacher fällt auf einer abstrakten, nämlich der surrealen Ebene eine Lehre aus Dingen zu ziehen?

Ich persönlich finde die häufig mit Fantasy und Phantastik assoziierte Realitätsflucht also nicht halb so schlimm, wie mancher, der mich mit erhobenem Zeigefinger belehren wollte. Und selbst wenn man sich für einen Augenblick aus der realen Welt entfernt: Was ist so schlimm daran?

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